Moderierte
Meetings sind normalerweise sorgfältig strukturiert. Der Moderator
bereitet sich und das Meeting vor und überlegt sich einzelne Schritte.
Der erste kann die Problemdefinition sein, der zweite die Ursachenanalyse,
der dritte die Generierung von Lösungsalternativen. Möglicherweise
gibt es einen Schritt, in dem alternative Lösungen bewertet werden,
und auf Basis dieser Bewertung wird dann eine Entscheidung getroffen.
Und natürlich wird Schritt 2 erst begonnen, wenn Schritt 1 beendet
ist, und so fort. Fast jeder von uns hat das schon mal so erlebt.
Interessanterweise ist es genau diese Struktur, die in Meetings echte
Kreativität und unerwartete Durchbrüche verhindert. Denn der
menschliche Geist funktioniert nicht so, wie die Ablauflogik solcher
Meetings es gerne hätte. Stattdessen ist er spontan, hat Impulse,
denen er folgen möchte, und ist frustriert, wenn es das nicht kann.
Frustriert ist er in strukturierten Meetings oft, denn die Impulse,
die zu Schritt 4 passen würden, kommen, wenn gerade Schritt 1 dran
ist, und umgekehrt. Unser Denken ist nicht-linear und chaotisch, und
unsere Kreativität wird eingeengt, wenn wir einer Struktur folgen
sollen. Es ist ganz natürlich, dass wir dann, wenn wir über
ein Problem sprechen, auch gleich zur Lösung springen. Umgekehrt
kann es uns passieren, dass uns irgendwann im Prozess klar wird, dass
das Problem ein Umfassenderes oder sonstwie anderes ist, als wir zu
Beginn dachten. Wir brauchen daher ein Meetingformat, in dem die Teilnehmer
wirklich in jedem Moment ihrer Energie folgen können. Für
Großgruppen erlaubt dies die Methode Open Space Technology sehr
gut. Für Kleingruppen stellt Dynamic Facilitation die alternative
und hervorragende Bedingungen zur Verfügung.
Im
Zentrum dieser Methode steht ein Prozess, der Choice-Creating / Wahlmöglichkeiten-schaffen
genannt wird. Dabei handelt es sich um mehr als traditionelles Brainstorming,
denn die Beteiligten werden nicht als rationale Ideengeneratoren, sondern
als ganzheitliche, menschliche Wesen betrachtet. Der
Dynamic Facilitation-Moderator führt während des gesamten
Prozesses vier Listen.
Eine Liste ist mit Problemen überschrieben. Auf
dieser Liste sammelt er alle Aussagen, die das Problem beschreiben.
Oft sind es Fragen. Die Probleme können generell oder spezifisch
sein und gerne auch unlösbar. Immer wenn ein neues Problem genannt
wird, wird es aufgeschrieben, und kein vorheriges wird gestrichen.
Eine zweite Liste ist mit Lösungen betitelt. Hier
werden alle Lösungen aufgeschrieben, die genannt werden, gleich
zu welchem Problem sie passen. Da kommen dann rasch Dutzende von Lösungen
zusammen, und das ist alles andere als ein ordentlicher Prozess. Im
Gegenteil, die Lösungssammlung erscheint wie ein chaotisches Mix.
Auf ein dritte Liste kommen alle Concerns, was man
hier mit Bedenken oder Befürchtungen
übersetzen könnte. Immer, wenn jemand etwas gegen eine Lösung
sagt oder der Moderator eine emotionale Ladung spürt, fragt er:
Was ist ihre Befürchtung? Und die wird dann auf diese Liste geschrieben.
Der emotionale Anteil wird damit sichtbar aufgenommen, anerkannt und
auch von dem sachlichen separiert.
Auf einer vierten Liste, die Informationen betitelt
wird, kommen alle anderen Informationen, gleich ob Beobachtungen oder
harte Daten, ob wahr oder falsch.
Praktisch alles, was die Teilnehmer sagen, wird vom Moderator auf eine
dieser vier Listen aufgeschrieben. Ein Effekt dabei ist, das die Teilnehmer,
sallopp (und auch etwas ungenau) gesprochen, weniger miteinander reden
als mit der Wand vor ihnen. Aus Erfahrung wissen wir, dass das Miteinander-reden
oft ein Gegeneinander-reden ist. Während der eine spricht, sortiert
der anderen schon seine Gegenargumente. Argument folgt auf Argument
und gelernt wird voneinander wenig bis nichts. Wenn Dynamic Facilitation
eingesetzt wird, beziehen sich die Beteiligten mehr auf den Kosmos an
Informationen, der sich da gerade vor ihnen auf den vier Listen entfaltet.
Sie tragen etwas zu diesem Kosmos bei, statt dass sie dem Vorschlag
des Kollegen etwas entgegensetzen.
Die zahlreichen Aufzeichnungen auf den vier Listen werden übrigens
im Laufe des Prozesses nie mehr einzeln angesehen. Der ganze Prozess
ist ein Prozess der Reinigung. Die Beteiligten reinigen sich von Gedanken
und Gefühlen, die sie dann auf den Listen finden. Dadurch erst
entsteht in Ihnen und in der Gruppe ein offener Raum für etwas
Neues. Die Lösungen werden später auch nicht den Befürchtungen
gegenübergestellt und entsprechend bewertet. Es kommt einfach ein
Punkt, an dem die Lösung offensichtlich wird. Es ist ein AHA-Erlebnis.
Und dann wissen alle: Das ist es. Es braucht dann keine formelle Entscheidung
mehr. Was sollte noch entschieden werden, wenn die Wahrheit so offenkundig
im Raum steht. An dieser Stelle besteht die wichtigste Aufgabe des Moderators
darin, den Teilnehmern zu helfen, dass sie sich über die Lösung
so richtig freuen. Eine angenehme Aufgabe. Oder nicht?
Wann
und wofür ist Dynamic Facilitation einsetzbar? Immer dann, wenn
es eine Thematik gibt, für die die Beteiligten wirklich Energie
haben. Da kann es sich um Fragen der gemeinsamen Zukunft (Vision, Strategie)
handeln, um Probleme, die als unlösbar gelten, um Konflikte, um
Themen mit einer versteckten Dimension oder um andere Situationen, die
einer kreativen Problemlösung bedürfen. Auch für gewöhnliche,
wöchentliche Geschäftsleitungs- oder Abteilungsmeetings ist
Dynamic Facilitation einsetzbar. Und vor allem dann, wenn Vertrauen
und Gemeinschaft wachsen sollen und wenn es die Zustimmung von allen
braucht.
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Seminar "Dynamic Facilitation Skills"
